[UPDATE: Juli 2020] Wie wirken sich Corona und Covid-19 auf das Podcasting aus?

Erkenntnisse aus der Datenanalyse von Deutschlands größtem Podcast-Hoster

[UPDATE: Juli 2020] Wie wirken sich Corona und Covid-19 auf das Podcasting aus?

31. März 2020. Die ganze Welt ist im Ausnahmezustand. Weder das kleine gallische Dörfchen bleibt von der Corona-Pandemie verschont noch der Berliner Podcast-Hosting- und -Analyse-Spezialist Podigee. Wir straucheln irgendwo zwischen Paralyse und Aktionismus hin und her, und versuchen, uns auf all das einen Reim zu machen.


UPDATE vom 3. Juli 2020

Wir haben uns die Daten noch einmal angesehen – und in einer Podcast-Episode darüber gesprochen (die aktuellen Grafiken findest du am Ende dieses Blogbeitrags):


[Unser ursprünglicher Beitrag:]

Vielerorts lechzen derzeit Menschen nach Informationen: „Wie gefährlich ist das Virus? Woher bekomme ich Klopapier? Wann dürfen meine Kinder wieder zu Oma? Gibt es meinen Arbeitgeber morgen noch?“ Fragen über Fragen, die sich viele immer seltener mit klassischen linearen Informationskanälen zu beantworten versuchen – und immer mehr mit Hilfe von Podcasts.

Das macht uns natürlich neugierig: Wie verändern sich Podcast-Konsum und -Produktion in Zeiten von Corona und Covid-19? Müssten da nicht in den Daten der Podcast-Hoster dieser Welt ein paar wichtige aufschlussreiche Erkenntnisse schlummern? Exakt! Und weil wir uns nicht nur auf Hosting verstehen, sondern zu unserem Angebot auch das Übersetzen komplexer Daten in nachvollziehbare und verständliche Aussagen gehört, haben wir uns die Datenlage einmal genauer angesehen.

Der australische Podcast-Nachrichtendienst Podnews hat am 23. März schon gemeldet, dass seit „Beginn“ von Corona der weltweite Bedarf an Internetbandbreite um 40 Prozent gestiegen ist. Kein großes Wunder, wenn man sich vorstellt, wie Menschen nun entweder gelangweilt zu Hause sitzen oder versuchen, ihr normales Arbeitsleben aus den eigenen vier Wänden halbwegs aufrechtzuerhalten. Bemerkenswert ist jedoch, dass laut Podnews angeblich durch Corona viele Podcasts bis zu 20 Prozent an Hörerinnen und Hörern verloren haben sollen. Weniger bemerkenswert ist, dass die Downloads laut den vorliegenden Zahlen verstärkt in der zweiten Tageshälfte stattfinden.

BBC legte ein paar Tage später (27. März) mit der Meldung nach, dass der Konsum von Onlinemedien stark zugenommen hat (auch hier: keinerlei Verwunderung). Ganz besonders sollen davon Online-Radiostationen und Podcasts in den Bereichen Nachrichten, Unterhaltung und Sport profitieren.

Meldungen dieser Art gibt es noch viele weitere – nun wissen wir aber zumindest mal grob, wie sich die Corona-Pandemie bislang auf den Podcast-Konsum in Australien und Großbritannien ausgewirkt hat. Das lässt uns nun umso gespannter werden, was ein Blick in unsere eigenen Datenbanken offenbart.

Das verraten unsere Hostingstatistiken über Podcast-Konsum- und -Produktionsverhalten in Zeiten von Corona

Mit Stand 30. März 2020 – und somit eine Woche nach Einführung der flächendeckenden Kontakt- und Ausgangsbeschränkungen in Deutschland – haben wir uns folgende Fragen gestellt und versucht, diese mit qualifizierten Daten zu beantworten.

  1. Wirkt sich Corona auf das Hörverhalten von Podcasts aus?
  2. Gibt es eine wesentliche Veränderung bei der Erstellung von neuen Podcasts seit Beginn der Corona-Krise?
  3. Und noch konkreter: Wie viele Corona-Podcasts und -Episoden sind in den letzten Wochen entstanden?
  4. Welche Kategorien sind klare Gewinner? Welche klare Verlierer?

1. Wirkt sich Corona auf das Hörverhalten von Podcasts aus?

Was wir intuitiv sicherlich alle direkt mit „Ja“ beantworten würden, können wir sehr gut mit einem Blick auf die Gesamtdownloads von den Podigee-Servern aufgeteilt nach Kalenderwochen sehen:

Wir erkennen einen deutlichen Zuwachs an Abrufen ab Kalenderwoche 11: Zwischen Woche 11 und 13 werden jede Woche durchschnittlich 5,8 Prozent mehr Podcast-Episoden heruntergeladen oder gestreamt als in der jeweiligen Vorwoche. Interessant ist vor allem der Anteil, den die Abspielvorgänge im Webplayer gegenüber den Downloads aus dem Feed haben: Zwischen Kalenderwoche 2 und 10 liegt der Anteil an Webplayer-Plays durchschnittlich bei 4,8 Prozent der Gesamtabrufe. In den Kalenderwochen 11 bis 13 schnellt dieser Anteil auf durchschnittlich 9,5 Prozent!

Wir halten also fest: Ja, in Corona-Zeiten werden definitiv mehr Podcasts heruntergeladen. Natürlich haben wir die eine oder andere Theorie, was die steigenden Webplayer-Zugriffe angeht: Wir glauben, dass aktuell sehr viele Menschen im Homeoffice oder in der Ausgangssperre Zeit vor dem Rechner verbringen und dort mitunter auch Podcasts hören. Wir glauben außerdem, dass viele Menschen, die das Medium noch nicht für sich entdeckt haben, auf der Suche nach Nachrichten zur aktuellen Situation über die eine oder andere Podcast-Episode stolpern und diese direkt auf der zugehörigen Webseite anhören. Wir haben noch tiefer in unseren Daten gebohrt, um diese Thesen zu belegen und können anhand einiger ausgewählter, reichweitenstarker Podcasts eines klar sagen:

Vor allem Nachrichtenpodcasts profitieren von den vielen zusätzlichen Webplayer-Wiedergaben.

Einige Nachrichtenformate kommen gar auf drei- bis viermal so viele Webplayer-Abspielvorgänge wie sonst üblich. Ein Grund mehr für alle Podcast-Produzierenden, den Webplayer zusammen mit einer eigenen Webseite (oder zumindest einem dedizierten Bereich innerhalb einer Webseite) als niederschwelligen Einstieg vor allem für Neuhörerinnen und -hörer gezielt einzusetzen.

Aber wir haben ja nicht (nur) nach dem Hörvolumen gefragt, sondern auch nach dem Hörverhalten, und das ist schon etwas schwieriger zu analysieren. Wir nutzen dafür das Punchcard-Format, in dem wir Abrufe nach Tagen und Uhrzeiten stundenweise gruppieren. Das Zeitfenster mit den an diesem Tag meisten Abrufen ist dunkelorange eingefärbt – alle weniger beliebten Zeitfenster werden mit prozentual anteiliger Transparenz dargestellt.

Das sieht auf den ersten Blick nach einem orangenfarbenen Fleckenteppich aus, offenbart aber auf den zweiten (oder auch zwölften) Blick mindestens zwei spannende Erkenntnisse: Zum Ersten werden ab Mitte Kalenderwoche 11 Podcasts plötzlich auch zu sonst eher ruhigen Zeiten wie Mittwochabend oder Donnerstag heruntergeladen. Und zweitens verschiebt sich der dunkelorangene Bereich über die Wochen hinweg langsam in Richtung Wochenende. Beide Veränderungen sind jedoch nicht übertrieben deutlich ausgeprägt.

2. Gibt es eine wesentliche Veränderung bei der Erstellung von neuen Podcasts seit Beginn der Corona-Krise?

Natürlich interessieren wir uns nicht nur für eine Veränderung im Podcast-Konsumverhalten – wir vermuten auch erkennbare Trends aufseiten der Podcasterinnen und Podcaster. Auch dem sind wir mit unseren Daten auf den Grund gegangen:

Wir sehen die Anzahl an neu bei uns angelegten Podcasts (orange) in Korrelation zu neu bei Podigee angemeldeten Benutzerinnen und Benutzern (petrol). Die Grafik zeigt deutlich, wie sehr die Anmeldungen in den vergangenen beiden Wochen gestiegen sind – mit einem sprunghaften Anstieg von 98 % mehr Anmeldungen als in der Vorwoche von KW 11 auf KW 12.

3. Und noch konkreter: Wie viele Corona-Podcasts und -Episoden sind in den letzten Wochen entstanden?

Auch zu dieser Frage geben unsere Daten Aufschluss: Einen vorläufigen Höhepunkt erreicht die Pandemie in Kalenderwoche 12 mit fast 600 neuen Podcast-Episoden und 25 neu angemeldeten Podcasts mit den Stichworten „Corona“ oder „Covid-19“ im Titel. Auch hier belegen die Daten unsere Vermutung: Der Drang, über dieses weltumspannende Ereignis zu reden, ist immens.

4. Welche Kategorien sind klare Gewinner? Welche klare Verlierer?

Weiter oben (Akkordeon ausklappen) haben wir festgehalten, dass im Königreich und in Australien Podcasts aus den Bereichen Nachrichten, Comedy und Sport in der aktuellen Krisenzeit anscheinend besser laufen, Kategorien wie True Crime hingegen tendenziell etwas Federn lassen. In unseren Daten erhoffen wir uns eine solide Einschätzung der Lage im deutschsprachigen Raum. Weil der Vergleich einzelner Wochen miteinander zu viele Schwankungen aufwies, wählten wir hier als Vergleichszeiträume jeweils Zweiwochenzeitfenster.

Wie wir in der Grafik zu Frage 1 gesehen haben, gibt es überdurchschnittlich viele Downloads über alle bei uns gehosteten Podcasts hinweg hauptsächlich in den Kalenderwochen 12 und 13. Genau diese beiden Wochen haben wir also jetzt zusammengefasst und sie mit den Daten aus der relativ stabilen Zeit vorher verglichen – konkret mit den kumulierten Zahlen aus den Kalenderwochen 6 und 7. Da zeigt sich dann schon ein etwas anderes Bild:

KW 12+13 im Vergleich zu KW 6+7
News102,09 %
Society & Culture 13,53 %
Comedy 23,51 %
Sports 16,54 %
Business -6,58 %
Health & Fitness -7,05 %
Arts -16,41 %
True Crime -13,83 %
Kids & Family 16,29 %
TV & Film 12,10 %
Education -18,57 %
Leisure -1,65 %
Science 45,87 %
Music 15,37 %
History 4,99 %
Religion & Spirituality 4,35 %
Technology -24,44 %
Fiction 7,22 %
Government -37,27 %

Die Daten in der Tabelle sind absteigend nach Gesamtdownloads in den jeweiligen Kategorien sortiert. Die grau markierten Kategorien Music, History, Religion & Spirituality, Technology, Fiction und (ganz besonders) Government werden im Vergleich zu den Top-Kategorien wenig von unseren Servern abgerufen – bedeutet: Es braucht nicht viel mehr oder weniger Downloads im jeweils untersuchten Zeitraum, damit am Ende große prozentuale Schwankungen in der Auswertung auftauchen. Die Kategorien sind für weitere Betrachtungen eher ungeeignet. Die Kategorien Business, Health & Fitness und Leisure bewegen sich mit Veränderungen kleiner 10 Prozent im Bereich regulärer Schwankungen. Der Rückschluss für diese Kategorien lautet also: alles wie immer.

Die restlichen Kategorien unserer Zweiwochenauswertung zeigen aber teilweise deutliche Veränderungen in Zeiten von Corona:

Klare Gewinnerkategorien der vergangenen zwei Wochen sind News (102 %), Science (46 %) und Comedy (24 %).

Auch die Kategorie Sports und Kids & Family sind jeweils mehr als 16 Prozent Downloadzuwachs merklich gestiegen. Die großen Verlierer sind nach unseren Auswertungen vor allem die Kategorien Arts (-16 %), Education (-19 %) und True Crime (-14 %).

Besonders bei den Kategorie-Zahlen dürfen wir eines jedoch nicht vergessen: Der Erscheinungsrhythmus von Podcast-Episoden muss nicht zwangsläufig einer Regelmäßigkeit unterliegen: Ein beliebter Podcast, der zwei Wochen lang keine neue Episode veröffentlicht, vermag es mitunter, die Zahlen für die ganze Kategorie leicht herunterzuziehen. Andersherum funktioniert das freilich genauso: Hochfrequente, aber vielleicht sogar nur mittelmäßig beliebte Podcasts tragen mitunter dazu bei, dass eine Kategorie – wenn in einem kurzen Zeitfenster betrachtet – relativ gut dasteht.

Fazit

Unsere Ausgangsfrage, ob sich Konsum und Produktion von Podcasts in Zeiten der Corona-Krise verändert haben, können wir klar bejahen. Die Trends, die in Australien und Großbritannien beobachtet wurden, sind anhand unserer Daten dabei nur teilweise belegbar – vermutlich spielen hier regionale Unterschiede eine große Rolle. Für Deutschland halten wir fest: Nachrichten und Wissenschaft sind dieser Tage sehr gefragte Themen, aber auch Unterhaltung und Kinder- beziehungsweise Familieninhalte werden verstärkt heruntergeladen und konsumiert. Viele Menschen haben ihre über Generationen antrainierte “20:00 Uhr, Fernsehgerät an, Nachrichten”-Routine längst eingetauscht gegen einen modernen zeitsouveränen, selbstbestimmten Informationskonsum – und da sind Podcasts die naheliegende Konsequenz.

Wir formulieren also mal ein ganz vorsichtiges Zwischenfazit – denn schließlich ist die Krise noch nicht überwunden:

In Zeiten von Corona, Homeoffice und Social Distancing gehören Podcasts eindeutig zu den “Gewinnern”.


Das Podigee-Corona-Update aus dem Juli 2020

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