Mit den richtigen Tools Podcasts remote über das Internet aufnehmen (und dabei Fehler vermeiden) – Teil 1

Wer Podcasts produziert, weiß, welche typischen technischen Fallen hierbei lauern: Seien es Störgeräusche im Hintergrund, abbrechende Verbindungen oder Mikrofone, die in der Systemsteuerung des PCs plötzlich nicht mehr erkannt werden. Dabei ist der wichtigste Bestandteil jeder Aufnahme die ausgezeichnete Qualität. Wie erreicht man die aber? Vor allem in Zeiten von #StayAtHome, in denen wir uns nicht von Angesicht zu Angesicht mit unseren Podcast-Gästen treffen können?

Mit den richtigen Tools Podcasts über das Internet aufnehmen (und dabei Fehler vermeiden) – Teil 1

Dank moderner Technologie müssen die Teilnehmenden an einem Podcast schon lange nicht mehr im selben Raum sitzen. In der Tat wird seit einiger Zeit schon ein beachtlicher Teil aller Mehr-Personen-Projekte jeweils individuell im eigenen Zuhause oder Studio aufgenommen. Worauf du in solchen Aufnahmesituationen achten solltest, was ein Double-Ender ist, welche Programme dir zur Verfügung stehen und welche Hürden es gibt, das erklärt dir unser Gast-Autor Julian Laschewski im Zweiteiler zum Thema Remote-Aufnahmen. Viel Spaß mit Teil 1 – die Fortsetzung gibt’s dann nächste Woche (4. Juni 2020) hier im Blog.

Was bedeutet „Double-Ender“?

Bevor wir direkt tiefgehend in die Materie eintauchen, klären wir noch, was Double-Ender überhaupt bedeutet. Hinter dem englischen Fachwort versteckt sich schlichtweg die Bezeichnung für Aufnahmesituationen mit mehreren Beteiligten, in denen jeder individuell seine eigene Tonspur mit eigenem Mikrofon aufnimmt. Anstatt in ein einziges Mikrofon zu sprechen, nutzt also jeder sein eigenes und stellt somit die bestmögliche Qualität sicher – entsprechende Aufnahmetechnik vorausgesetzt.

Natürlich ist die Voraussetzung für Double-Ender nicht immer gegeben. Eventuell habt ihr nur ein Mikrofon oder Aufnahmegerät und könnt daher nicht auf etwas anderes zurückgreifen. In solchen Fällen kann selbstverständlich das Mikro auch rumgereicht werden. Allerdings werden die Hörenden das sehr wahrscheinlich in der Aufnahme bemerken und als störend empfinden. Zudem ist des nur eine Option sofern alle im selben Raum sitzen. Nicht erst seit Corona ist es sehr wahrscheinlich, dass sich für eine Podcast-Aufnahme mehrere Menschen über das Internet zusammenschließen. Hier hat der Double-Ender den unschlagbaren Vorteil, dass beliebig viele Teilnehmende an ihrem Ende eine Tonspur ohne unnötige Störgeräusche durch schlechte Internetverbindung aufnehmen – die fertige Episode schlussendlich also um ein Vielfaches besser klingt.

Wie mache ich einen Double-Ender?

Die Handhabung ist denkbar einfach – zumal es heute eine ganze Reihe an webbasierten Online-Tools gibt, die dir einen Großteil der Arbeit abnehmen. Damit zeichnest du im Idealfall die Tonspur aller Teilnehmenden gesondert auf und schneidest das Ergebnis nach Fertigstellung „nur“ noch zusammen.

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Das richtige Werkzeug

Individuelle Tonspuren geben allen Teilnehmenden außerdem mehr Flexibilität beim Aufnehmen, da Podcastende selten zusammen in einer WG wohnen. Auch interessante Gesprächspartnerinnen und -partner tauchen nicht zwingend in der Nachbarschaft auf. Daher ist es von Vorteil, dass wir auf eine große Bandbreite an Online-Tools zugreifen können, die uns dabei helfen, in ausgezeichneter Qualität aufzuzeichnen – egal, ob sich dein Gegenüber im Nebenzimmer oder in einem anderen Land befindet. Freilich birgt das auch wieder eine Reihe von Problemen, die einem fehlerfreien Resultat im Wege stehen. Glücklicherweise gibt es aber einige Programme und Kniffe, die euch das Podcastendenleben erleichtern:

Studio-Link ist hierzulande eine der bekannteren webbasierten Onlinedienste, die von einem Großteil der deutschen Podcast-Szene benutzt wird. Ihr größter Vorteil: hochqualitative und nahezu verlustfreie Verbindungen auch komplizierter Podcast-Setups – dank Opus-Codec und DAW-Integration. Studio-Link kann als Standalone-Software benutzt werden, wodurch ein Client auf dem PC oder Mac installiert wird und dann das eigene System als Host bereitstellt, um über einen Internet-Link die Mitcastenden einzuladen. Die Handhabung ist mit der aktuellen Version denkbar einfach geworden und geht unter anderem dank Adressbuch und Wunschnamen flink von der Hand.

Die jeweiligen Tonspuren der Teilnehmenden landen nach einer Aufzeichnung als unkomprimierte Flac-Dateien entweder in einem Ordner auf eurem Rechner – oder laufen direkt in eine von Studio-Link-Plugin unterstützte Aufnahmesoftware. Achtung: Bei Studio-Link zeichnet jeder auch die Spuren aller anderen mit auf – jedoch über das Internet, was zu Knistern und Aussetzern führen kann. Ein Double-Ender wird also erst draus, wenn ihr euch die jeweils lokal aufgenommenen Spuren der bis zu fünf weiteren Teilnehmenden zuschicken lasst.

Ja, die Handhabung und Ersteinrichtung könnte bei Studio-Link etwas einfacher sein. Und ja, manche Podcastende können im ersten Moment vielleicht mit Flac-Dateien nicht viel anfangen. Dennoch spielt dieser Webdienst in Sachen Möglichkeiten und Qualität in einer ganz eigenen Liga – es lohnt sich also auch für Neulinge, sich hiermit mal genauer auseinanderzusetzen und etwas Zeit zu inverstieren.

Die Grundversion von Studio-Link ist übrigens kostenlos nutzbar, in der Bezahlvariante gibt es dann eine Reihe von Komfort-Features – darunter Wunschnamen statt kryptischer Benutzer-Ids oder auch die Erstellung einfacher Einladungslinks für Gäste.

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2. Zencastr

Zencastr bietet einen ähnlichen Funktionsumfang, hat aber direkt einige Bearbeitungsfunktionen mit an Bord. Anders als Studio-Link ist zudem keine zusätzliche Software- oder Plug-in-Installation notwendig – stattdessen startest du direkt im Webbrowser und lädst deine Gäste ein, um mit ihnen loszuplappern. Um jedoch auf die volle Bandbreite der Einstellungsmöglichkeiten zugreifen zu können, sind monatlich knapp 18 Euro fällig. In der kostenlosen Variante nimmst du immerhin Podcasts mit bis zu zwei Gästen und acht Stunden pro Monat auf – wobei diese Beschränkung für die Dauer der Corona-Pandemie aufgehoben wurde.

Die Tonspuren werden von Zencastr als MP3-Dateien ausgegeben. Postproduktion und Filter kosten extra, sofern du diese Produktionsschritte nicht selbst übernehmen möchtest. Auf Wunsch kannst du direkt Intro, Outro, Mid-Roll und andere Sounds anhängen, um die fertige Folge auszugeben. In der kostenpflichtigen Variante werden außerdem die Tonspuren als unkomprimierte Wav-Dateien mit einer Bitrate von 16-bit bei 44,1k kHz gespeichert. In der Praxis klappt das jedoch bei weitem nicht immer, sodass für den Schnitt am Ende nur komprimierte MP3s zur Verfügung stehen. Doof.

Die Versprechen von Zencastr klingen also in der Theorie nicht übel, mit dem entsprechenden Know-how erweist sich Studio Link jedoch als die bessere Alternative. Die zusätzlichen Komfort-Features von Zencastr sind zwar eine nette Dreingabe – aber keine, die man nicht durch kostenlose Programme wie beispielsweise Audacity selbst und vor allem auch sehr viel einfacher umsetzen kann. Ebenso beschweren sich viele Zencastr-Nutzende über Tonspuren, die mitten in der Aufnahme verlangsamen und sich dadurch zu den anderen Spuren verschieben. Das kann zwar beim Schneiden korrigiert werden, ist am Ende des Tages aber unnötige Arbeit, die du vermutlich lieber umgehst. Sollte es dennoch – oder auch mit einem anderen Tool – dazu kommen, dass die Tonspuren mit einem Mal nicht mehr synchron laufen, hilft nur akribisches Nachhören und -korrigieren. Dabei empfiehlt es sich, alle zehn Sekunden stichprobenartig reinzuhören, um festzustellen, wann die Verschiebung und somit Asynchronität auftritt. Die Tonspur, die zu früh einsetzt, sollte dann an der Problemstelle geschnitten und etwas nach hinten verschoben werden, bis es wieder sauber klingt.

3. Zoom

Zoom ist ähnlich wie Skype eine Software für Video-Telefonie und -Konferenzen (nicht zu verwechseln mit Zoom, dem Hersteller von Audio-Interfaces). Das Programm kann in der kostenlosen Variante bis zu 100 Gesprächsteilnehmende miteinander verbinden – ist aber auf maximal 40-minütige Meetings beschränkt. Das wird vermutlich den wenigsten Podcasts ausreichen, um eine ganze Folge aufzuzeichnen. Für Kurzgespräche hingegen ist es ideal.

Nach erfolgreicher Account-Registrierung kannst du dort direkt loslegen, ein Meeting eröffnen und den Teilnehmenden einen Link zukommen lassen. Die müssen dann nur noch den Link öffnen und landen direkt am anderen Ende deiner Leitung. Nun klickst du noch auf „Record“, und alles wird für dich aufgezeichnet. Achtung: Du musst am Schluss auf „Meeting beenden“ klicken, damit die Mitschnitte auch ausgegeben werden. Zoom speichert diese als M4A-Audiodatei und, falls gewünscht, MP4-Videodatei.

Die größten Nachteile von Zoom sind leider schnell aufgezählt: Die Tonspuren werden nicht einzeln ausgegeben, die Tonqualität kann mit der von Studio-Link nicht mithalten und falls Stör- oder Hintergrundgeräusche mit auf der Tonspur sind, lassen die sich nur sehr schwer rausfiltern. Die Arbeit mit einem lokalen Backup (also einem Double-Ender) bietet sich also an, was das Ganze deutlich weniger komfortabel und für ungeübte Gesprächspartnerinnen und -partner unnötig kompliziert macht.

4. Cleanfeed

Cleanfeed funktioniert ganz ähnlich wie Zencastr. Nach erfolgreicher Registrierung eröffnet sich die webbasierte Benutzeroberfläche, die dir das leichte Aufzeichnen des Gesprächs erlaubt. Die Standard-Ausführung ist komplett kostenlos und reduziert auch nicht künstlich die Übertragungsqualität. Einziges Manko: Willst du das Gespräch aufzeichnen, musst du das kostenpflichtige Paket für 28 Euro pro Monat buchen. Für den Preis gibt es als Bonus einige Funktionen, die du bei der Konkurrenz so nicht finden wirst – angefangen bei der Möglichkeit, mehrere Geräte anzuschließen, die dann separate Tonspuren aufnehmen, wenn du beispielsweise doch mal mehrere Teilnehmende am selben Ort hast. Oder auch die Möglichkeit, eine Tonspur zu reparieren. Dies kann nützlich sein, wenn Störgeräusche oder Aussetzer auf der Spur zu finden sind. Das Online-Tool scannt die Spur automatisch und repariert sie an den entsprechenden Stellen mit den Informationen, die ihm zur Verfügung stehen. Ein weiteres, überaus brauchbares Feature ist das so genannte „Echo Cancel“. Zum Leidwesen einiger Podcastenden kann es passieren, dass durch falsche Aufnahme-Einstellungen, die Stimme der Gesprächspartnerinnen und -partner auf der eigenen Tonspur zu hören sind. Mit aufmerksamer Kleinstarbeit und viel, viel Zeit lässt sich dieses Problem zwar manuell beheben, der Cleanfeed-Algorithmus liefert aber ähnlich gute Ergebnisse mit wenigen Klicks. Das hilft übrigens auch ungemein bei zu viel Raumhall, sprich: falls es sich so anhört, als hättet ihr in einer Kirche aufgenommen. Wie bei den meisten anderen Tools lassen sich selbstverständlich auch bei Cleanfeed Bitrate und Lautstärke individuell einstellen.

5. Skype

Skype ist im Bereich Voice-over-IP (VoIP) der leicht angegraute Platzhirsch, der schon zu Zeiten verbreitet war, als gerade Teamspeak und ICQ das Licht der Welt erblickten. Heutzutage ist in vielen Firmen die Variante „Skype for Business“ verbreitet, um Meetings abzuhalten, da es in den meisten Office-Paketen direkt mit integriert ist. Die webbasierte Variante von Skype eignet sich zudem hervorragend, um Podcasts oder zumindest Interviews aufzuzeichnen. Ähnlich wie Zoom ist Skype kein klassischer Audiorekorder, sondern stellt lediglich die Verbindung zwischen den Gesprächsteilnehmenden her. Einzige Voraussetzung: Alle müssen einen Skype-Account besitzen. Bei allen anderen hier vorgestellten Programmen gibt es diesen Kontozwang so nicht.

Sobald sich alle virtuell eingefunden haben, kann die Aufnahme beginnen. Etwas versteckt im sogenannten Burger-Menü (meist durch drei horizontale Striche oder drei Punkte dargestellt) findet sich die Option „Aufnehmen“. Einmal aktiviert sorgt das dafür, dass am Ende eine WAV-Datei aus dem Tool herauspurzelt. Das war’s dann aber auch schon. Nützliche Zusatzfunktionen wie Einzelspur-Aufnahme oder individuelle Anpassungen vermissen wir hier.

Von Skype raten wir für die Podcast-Aufnahme daher eher ab – nicht zuletzt weil auch die Qualität oftmals schwankt und gleichzeitig sprechende Personen in der Lautstärke unerwünscht lauter oder leiser geregelt werden.

Fazit

Unser klarer Favorit für Remote-Aufnahmeszenarien ist Studio-Link. Zwar fehlt hier an mancher Stelle der Bedienkomfort, den viele ähnliche Werkzeuge haben, die Aufnahmequalität und der Funktionsumfang sind diesen Kompromiss aber locker wert.

Im zweiten Teil des Artikels klären wir euch dann über lokale Aufnahme-Möglichkeiten mit entsprechenden Kommunikationstools und eigenen Backup-Lösungen auf. Solltet ihr gar noch nicht so weit sein und noch nach Unterstützung in Konzept- oder Hardwarefragen suchen, hilft euch unsere "Den ersten Podcasts erstellen"-Themenseite sicher weiter.